„Alles scheint mit allem verwoben“
Hiltrud Berndt prägte Potsdams Freiräume über Jahrzehnte. Für sie war Stadtgrün nie Dekoration, sondern immer auch Fürsorge.
In der kleinen Neuendorfer Kirche, die sie einmal rettete, erzählt sie: „Ende der 70er sollte die Kirchenruine einer Abfahrt der Nuthe-Schnellstraße weichen.“ Sie erinnert sich: „Ich sollte den Abschnitt mit Bäumen verschönern. Ich war entsetzt!“ Mit Politik oder Religion hatte das nichts zu tun, sagt sie: „Ich habe einfach nicht verstanden, warum die Kirche wegsollte.“ Sie intervenierte, fragte nach, argumentierte – und überzeugte.
Hiltrud Berndt war mehr als 30 Jahre für das öffentliche Grün und die Gestaltung von Freiräumen in Potsdam zuständig. Nach ihrem Studium an der Humboldt-Universität arbeitete sie im Wohnungsbaukombinat, später beim Stadtarchitekten und nach der Wende im Fachbereich Grünflächen.
Der Fotograf dirigiert die 81-jährige durch den kleinen Kirchenraum: Hier hinstellen, dort hinschauen, Kinn ein wenig nach oben… Sie ist präsent, sie füllt den Raum. Sie spricht immerzu. Unaufgeregt reiht sie Episode an Episode, manchmal ringt sie nach einem passenden Wort. Weil ich längst meine Frage vergessen habe, folge ich dem Fluss ihrer Erinnerungen, der dann am Ende doch die Antwort anspült: „Das hatten sie mich doch gefragt?“
Wir navigieren uns durch die Stadtgeschichte, wie Hiltrud Bernd sie erlebt und mitgeschrieben hat. Anfang der 1970er Jahre „erfand“ sie die Mietergärten im Potsdamer Plattenbau: Zwischen Knobelsdorffund Stormstraße wurden probehalber die ersten angelegt. Unbepflanzte Parzellen, umrahmt von niedrigen Sträuchern, die man über eine Treppe vom Balkon aus erreichen konnte. „Mir selbst wurde eine Wohnung in Aussicht gestellt, um die Mieter beim Gärtnern ein bisschen zu beraten.“ Hört man ihr zu, dann merkt man, dass Stadtgrün für sie nie Dekoration war, sondern Fürsorge: „ Alles muss den Menschen dienen.“ Wenn sie solche Sätze sagt, wirkt sie unbeirrbar.
Einer ihrer Nachbarn war seinerzeit der Liedermacher Wolfgang Protze. Er sang 1983 über sie: „Sie stellt nicht nur irgendein Wohngebiet hin, nein, sie wohnt auch noch drin.“ Wie sie davon erzählt, lächelt sie: „Wissen Sie, wenn Menschen merken, dass hinter den Ideen eine tiefe Überzeugung steht, lassen sie sich mitnehmen."

Ihre Mietergärten wurden vielfach variiert, in der Waldstadt II und im Stern, in der ganzen DDR, in einigen „Bruderländern“. Als junge Erfinderin zierte Hiltrud Berndt die Cover von Zeitungen und Magazinen, auch im Ausland. Aus Vietnam sandte ihr ein Kollege ein Foto: Ihr Bild, ausgeschnitten aus der NEUEN BERLINER ILLUSTRIERTEN, angepinnt an einem Spind.
So etwas werde sie nie wieder machen, sagt sie, als der Fotograf fertig mit seiner Arbeit ist. Unser Fototermin rege sie zu sehr auf, dafür sei sie zu alt. Aber der Name des Fotografen, der sage ihr irgendetwas. Wie sich herausstellt, kennt sie seinen Onkel.

Alles, was sie sagt, hat Gewicht. Nichts davon ist laut. Wer zuhört, versteht, wie gute Orte davon leben, dass jemand an sie geglaubt hat. Gemeinsam mit Walter Funcke war sie 1973 an der Neugestaltung der Freundschaftsinsel beteiligt. Ideen gab es dafür schon lange zuvor, aber erst mit den „Weltfestspielen der Jugend und Studenten“ war die Gelegenheit gekommen. Nicht einmal ein Jahr hatten sie dafür Zeit. In Potsdam West hat sie die „Platte“, eine sommerliche Freilichtkulisse aus übriggebliebenen Beton-Elementen vergangener Bauprojekte, arrangiert. Den als Denkmal geschützten Privatgarten von Hermann Göritz, einer Ikone Potsdamer Gartenkultur, nahm sie nach dessen Tod in persönliche Pflege. Ausdauernd rang sie um freie Ufer, sicherte nach der Wende Abschnitt für Abschnitt für die Öffentlichkeit.
Als es möglich war, die Neuendorfer Kirche wieder aufzubauen, war sie natürlich mit dabei. Sie spendete ein Fenster und Sterne für die blaue Kuppel. Heute wird die Kirche auch gerne als Standesamt genutzt, ihre Tochter heiratete hier. „So schließt sich der Kreis.“, sagt Hiltrud Berndt und schaut in den Sternehimmel der Kirche: „Ich habe oft das Gefühl, dass in Potsdam alles mit allem verwoben ist.“
TEXT: CARSTEN HAGENAU