Die Frauen der Gartenstadt Drewitz
Die Wandlung der Plattenbausiedlung Drewitz in eine moderne Gartenstadt hat das Wohnen im Stadtteil schöner gemacht. Er wurde begrünt, vom Durchgangsverkehr fast vollständig befreit, umgebaut. Unikate sind der Konrad-Wolf-Park, die Stadtteilschule und die Neuinterpretation der Plattenbauten durch die ProPotsdam. Gäste aus aller Welt kommen, um sich Drewitz anzusehen. Idee und Umsetzung der Gartenstadt sind mittlerweile oft wissenschaftlich untersucht worden. Wer genau hinsieht, erkennt sieben Frauen, die den Mut und die Energie hatten, Drewitz zu dem zu machen, was es heute ist.
Pia von Zadow, die Visionärin
Von ihr stammt die Idee, aus der Durchgangsstraße einen Park zu machen. Die sah gut aus, realisierbar schien die jedoch kaum jemandem. „Aber die Vision der Gartenstadt war geboren“, erinnert sich die Landschaftsarchitektin Pia von Zadow. Die ließ sie nicht mehr los. Und so wurde in ihrem Büro fortan bei jeder Gelegenheit weiter phantasiert, entworfen und untersucht. Oft aus eigenem Antrieb und auf eigene Kasse, manchmal auch gemeinsam mit der ProPotsdam oder der Fachhochschule.
„In unserer Vorstellung wuchs aus dem grauen Stadtteil ein grüner mit einem zentralen Park, kleinen Gärten und dem grünen Kreuz als neue Mitte des Stadtteils“, beschreibt Pia von Zadow den Arbeitsprozess. Anfang 2009 ließ die ProPotsdam alle Ideen verdichten und durchrechnen, um sie als Konzept bei einem bundesweiten Wettbewerb einzureichen. Der Park als Herzstück, die Blöcke umgebaut, die Höfe begrünt, der Verkehr gebändigt. Der Plan erhielt eine Silberne Plakette und die besten Wünsche fürs Gelingen.
In unserer Vorstellung wuchs aus dem grauen Stadtteil ein grüner.




Elvira Eichelbaum, die Aufrührerin
Ganz sicher wäre nichts gelungen, hätte Elvira Eichelbaum nicht Alarm geschlagen. Die Direktorin der Grundschule am Priesterweg berichtete, dass Kinder in die Schule kämen, ohne gefrühstückt zu haben, Angst vor den Ferien hätten oder im Unterricht einschliefen. Immer mehr bräuchten besondere Fürsorge. Die Direktorin riskierte Ermahnungen, wenn sie sagte: Das alles übersteigt unsere Kraft. Angebote, an eine andere Schule zu gehen, lehnte sie ab.
„Gartenstadt war die Chance, mehr für die Kinder zu erreichen: Natur, Spielplätze, vor allem bessere Lernbedingungen.“ Mit ihrem energischen Werben erreichte sie Menschen mit Einfluss. Hatte sie eine Idee, dann fand sie Wege. Tauchte einfach bei Ämtern oder Promis auf, setzte sich in deren Vorzimmer, bis einer mit ihr redete. Elvira Eichelbaum kannte alle Schulkinder beim Namen und deren Geschichten. Sie wusste, wie wichtig Bildung für sie ist. Der Schule hatte sie ein ökologisches Profil gegeben und sie zur Europa-Schule geformt. Aber sie wollte mehr: Einen schönen Schulhof, eine Mensa, reparierte Toiletten und ansehnliche Klassenräume. Das konnte doch nicht zu viel sein.
Gartenstadt war die Chance, mehr für die Kinder zu erreichen: Natur, Spielplätze, vor allem bessere Lernbedingungen.
Karin Juhasz, die Entwicklerin
Drewitz kannte sie schon in der Zeit, als dort noch Äcker waren. Sie hatte erlebt, wie die Planungen immer reduzierter wurden und die Siedlung dann doch nicht zu Ende gebaut werden konnte. Als die ersten Gartenstadtideen laut geäußert wurden, war sie eher skeptisch. Schon der Begriff „Gartenstadt“. Später merkte sie, dass es den Beteiligten ernst war: Wir verlangen erst mal eine Gartenstadt, wenn es am Ende ein neuer Spielplatz wird, ist auch gut.
Solche Strategien gefielen Karin Juhasz schon immer. Sie machte die Gartenstadt zu ihrem Projekt, aber die ganze sollte es sein, nicht nur ein Spielplatz. Sie kannte die Verwaltung und deren Gangart. Die Kollegenschaft, die langen Flure, die Treppen nach oben und nach unten, die wichtigen Gremien und Runden. Sie bediente die unsichtbaren Stellwerke der verwaltungsinternen Meinungsbildung. Zur Not erzählte sie es dem Oberbürgermeister persönlich. Und so kam eins zum anderen: Erst schöne Worte, dann aber auch Beschlüsse, Ressourcen und Finanzierungen.


Frauke Roth, die Mutmacherin
Die Geschäftsführerin der Kammerakademie Potsdam führte ihr Orchester nach Drewitz. „Das hat am Anfang nicht allen im Orchester und in unserem Umfeld gefallen“, erinnert sie sich. Die Musikerinnen und Musiker arbeiteten vor Ort mit der Schülerschaft, die erste Oper entstand. Jedes Kind hatte seine Aufgabe: Wer nicht singen kann, schiebt Kulissen, wer nicht tanzen kann, sagt etwas auf oder macht das Licht an und aus. Nach der Aufführung in der rappelvollen Turnhalle waren alle glücklich, Kinder und Orchester, die Eltern. Ein Viertklässler sagt: „Das war der schönste Tag meines Lebens.“ So geht musikalische Bildung.
„Wir standen in Drewitz von Anfang an unter besonderer Beobachtung. Unsere Gremien wollten sehr genau wissen, was wir da tun“, erzählt Frauke Roth. Die Arbeit in Drewitz wird zum festen Teil der künstlerischen Arbeit des Ensembles. Der Erfolg lenkt den Blick auf einen Stadtteil, den die allermeisten Gäste der Kammerakademie nicht kennen. „Wir haben eine einflussreiche Schicht der Stadtgesellschaft auf Drewitz und das Gartenstadt-Projekt aufmerksam gemacht.“
Kathleen Schäffer, die Vernetzerin
Sie war die erste Patin der Gartenstadt. In einem Ladenlokal richtete sie 2010 mit ausrangierten Büromöbeln der ProPotsdam den PROJEKTLADEN ein. Den machte die Erziehungswissenschaftlerin, die frisch von der Uni gekommen war, zum Bürgertreff. Es gab immer Kaffee, alle Planunterlagen und Kontaktdaten. „Das lief seinerzeit wie alles in Drewitz: Wir hatten zwar keine Ressourcen, haben trotzdem einfach angefangen“, erinnert sie sich. Zu ihr kamen alle, die mehr von der Gartenstadt wissen wollten oder einfach mal jemanden zum Reden brauchten. Manchmal auch die, die Angst um die Hauptstraße und die Parkplätze hatten. Kathleen Schäffer hatte für jeden Zeit.
Sie merkte, dass der kleine Laden nicht ausreichte für die Sorgen der Drewitzer. Das war zu wenig Raum für Beratung, Ermutigung und Gemeinsamkeit. Schon gar nicht für Weiterbildung. Mehr Platz musste her! Das wurde ihr neues Projekt: Eine Stadtteilschule, die Bildung und Begegnung verbindet. Gemeinsam mit Bürgerinnen und Bürgern, Vereinen und Fachleuten entstand die Idee eines Ortes, an dem gelernt, beraten, gefeiert und Nähe gelebt wird.



Linda Hasselmann, die Architektin
Die Stadtteilschule musste in die Räume der Grundschule passen, denn zur Gartenstadt passten weder Abriss noch Neubau. Ein Wettbewerb sollte klären, wie das gehen könnte. Die Jury entschied sich einstimmig für den Entwurf von ROBERTNEUN. Das Team des damals noch jungen Büros hatte die neue Programmatik des Hauses in Räume übersetzt. Frontfrau und Projektleiterin vor Ort war Linda Hasselmann.
Im Souterrain fand das Team zusätzliche Flächen, die es nutzbar machte. Im neuen Verbindungsbau brachte ROBERTNEUN mit spielerischer Leichtigkeit Mensa, Großen Saal und Musikkabinett unter. Ein lichtes, weites Foyer ist Empfang, Bühne und Treffpunkt, aber auch Laufsteg, Versammlungsort und vieles andere zugleich. Vor allem aber gaben Linda Hasselmann und ihr Team dem Haus einen selbstbewussten, stolzen Auftritt: Markant, transparent, farbig. Ursprünglich sollte die Fassade golden werden, in Grün grüßt sie heute.
Anja Tefs, die Projektentwicklerin
Sie setzte die großen Erwartungen an die Stadtteilschule in Szene, führte die Gewerke von Abriss und Entkernung über Grundsteinlegung bis zur Gestaltung des Schulhofes. Dabei wachte sie nicht nur professionell über Termine, Qualität und Kosten, sie vermittelte auch herzlich wie behutsam zwischen Planenden, Nutzenden und Bauleuten. Hier die Schule, da das Begegnungszentrum und die Kammerakademie mit ihren Ideen, dazwischen die Architektin mit ihren eigenen Ansprüchen. Anja Tefs neutralisierte die Leidenschaften, materialisierte sie: „Das war nicht schwierig“, meint Anja Tefs zurückschauend: „Jede Seite hatte sehr klare Ansprüche und spezielle Erwartungen. Aber es gab ein gemeinsames Ziel. Wir wussten ja, wo wir hinwollten.“ Anderthalb Jahre dauert der Umbau, er war Stadt und Land 6,4 Millionen Euro wert. Als das Haus eröffnet wurde, zögerten die Drewitzerinnen und Drewitzer einzutreten: So etwas Schönes. Für uns?
Es gab ein gemeinsames Ziel. Wir wussten ja, wo wir hinwollten.“


Überblick, Rückblick
Am Eingang des Konrad-Wolf-Parks steht ein Kletterfelsen. Von da aus hat man einen guten Ausblick auf alle Wege, die zur Schule führen. Am Morgen treffen sich hier die Kids, um gemeinsam zum Unterricht zu gehen. „Mein Wunsch war es, ein schönes Wohnumfeld zu schaffen,“ erinnert sich die Landschaftsarchitektin Pia von Zadow: „Für mich war das eine Frage der Wertschätzung der Menschen, die hier wohnen.“
TEXT: CARSTEN HAGENAU