„Einfache Antworten gibt es da nicht“
Oberbürgermeisterin Noosha Aubel weiß, wie angespannt der Potsdamer Wohnungsmarkt ist. Wir sprachen mit ihr über die Situation und ihre Lösungsstrategien.
Es bedeutet mir viel, als erste direkt gewählte Oberbürgermeisterin Verantwortung für Potsdam übernehmen zu dürfen. Und es ist ein wichtiges Signal: Mädchen und Frauen sollen erleben, dass Frauen in politischen Spitzenämtern selbstverständlich sind. Deshalb unterstütze ich auch die deutschlandweite Kampagne „Wählt Frauen“. Denn die Frage ist längst nicht mehr, ob Frauen Politik können. Die Frage ist, warum wir darüber überhaupt noch sprechen müssen. Frauen gestalten Kommunen, Unternehmen und gesellschaftlichen Wandel seit Jahrzehnten erfolgreich mit. Trotzdem sind sie in Parlamenten und Führungspositionen noch immer deutlich unterrepräsentiert. Das muss sich ändern. Potsdam kann das, immerhin war schon Brunhilde Hanke während der DDR-Zeit lange Jahre Oberbürgermeisterin.
Gefühlt gibt es derzeit bei der Mietentwicklung einen Turbobeschleuniger, vor allem bei frei finanzierten Wohnungen. Wenn man befürchten muss, dass man mit dem eigenen Einkommen auf dem Wohnungsmarkt zunehmend Probleme bekommt, ist das eine große Last. Die Debatte zum Mietendeckel für die ProPotsdam spiegelt diese Ängste der Bürger wider.
Für Wohnungssuchende ist die Situation mehr als schwierig. Umso wichtiger ist es, über Unterstützungsangebote wie den Wohnberechtigungsschein zu informieren. Insgesamt aber empfinde ich die Situation bei Weitem nicht so dramatisch. Die Bestände der ProPotsdam und der Genossenschaften machen immerhin 40 Prozent des Potsdamer Wohnungsmarktes aus. Das ist sehr viel und damit wirken sie auch dämpfend auf die Mietpreisentwicklung in der gesamten Stadt.
Davon bin ich noch immer überzeugt und ich bin unmittelbar mit Amtsantritt das Thema angegangen: Ich habe viele Gespräche geführt, um die Ursachen und jene Hebel zu finden, die Abhilfe schaffen. Der Potsdamer Wohnungsmarkt ist nahezu leergefegt. Die Gründe für die Wohnungsnot sind komplex, deshalb gibt es auch keine einfachen Antworten. Wir müssen mehrere Hebel gleichzeitig bewegen. Und das tun wir.
Ja, weil es das Problem sehr konkret macht. Nach fünf Monaten zäher Suche haben wir eine Wohnung für unsere fünfköpfige Familie im Bornstedter Feld gefunden. Ein Reihenhaus mit einer befristeten Mietzeit. Mir ist natürlich klar, dass wir mit unserem Einkommen privilegiert sind und sich viele andere Familien mit Kindern eine solche Wohnung nicht leisten könnten. Das zeigt, wie angespannt der Markt ist. Genau deshalb darf dieses Thema nicht verwaltet, sondern muss mit vielen Akteuren gelöst werden.
Klar ist, wir benötigen mehr Wohnungen. Der vielleicht kürzeste Weg dahin ist die bessere Nutzung des bestehenden Wohnraums. Wir wollen beim Wohnungswechsel unterstützen: Es geht dabei um Menschen, denen die Wohnung zu groß geworden ist und die sich Hilfe bei der besseren Nutzung der Fläche wünschen. Wichtig ist zu betonen, die Basis ist immer der Wunsch der Menschen, niemand soll zum Auszug gedrängt werden. Und natürlich brauchen wir Neubau. Herausforderungen sind hier aber sowohl die Kosten als auch die Dauer bis zur Fertigstellung.
Die Gründung einer Wohnraumagentur war eines meiner Themen im Wahlkampf. Herr Dr. Fuhrhop arbeitet seit Anfang April bei mir im Büro und wird als Stabsstelle für das Thema Wohnen die Gründung vorantreiben. Sie soll helfen, ungenutzten und unzureichend genutzten Wohnraum zu aktivieren. Dazu wird sie zum Beispiel freiwillige Wohnungswechsel anregen und private Eigentümer motivieren, ungenutzte Wohnungen wieder anzubieten.
Nein, Ziel ist eine kurzfristige Entlastung des Marktes. Eine bessere Ausnutzung von vorhandenem Wohnraum ist schneller erreicht als der Bau von neuem. Zudem kostet es weniger. Aber natürlich muss auch neu gebaut werden. Daher nutzen wir die Möglichkeiten des Bauturbos, um Bauen zu ermöglichen. Und wir optimieren unsere internen Prozesse, damit aus Planungen schneller als bisher Wohnungen werden.
Deshalb muss Neubau sozial gesteuert werden, Bund und Land sind hier stärker in der Pflicht. Als Kommune wollen wir Mietpreise dämpfen und Bezahlbarkeit über städtebauliche Verträge sichern, mit denen wir beispielsweise Mietobergrenzen und Belegungsbindungen für einen Teil der Neubauwohnungen vereinbaren. Weitere Optionen wären, den Neubau von Wohnungen mit sozialen Auflagen zu versehen oder bei der Vergabe von städtischen Grundstücken auf sozial ausgewogene Bebauungskonzepte zu zielen.
Die ProPotsdam ist unser wichtigster Partner für soziales und bezahlbares Wohnen. Das gilt für den Neubau ebenso wie für den Bestandserhalt. Mit ihrer Mietenpolitik dämpfen wir die Wohnkostenentwicklung, was wiederum zur sozialen Durchmischung in den Stadtteilen beiträgt. Auch für die Quartiersentwicklung ist sie unverzichtbar, denken Sie an Krampnitz oder die Gartenstadt Drewitz.
Gerade bei der Wohnbauförderung kommt es auf die Entscheidungen im Bund und im Land an. Wir arbeiten hier eng zusammen und haben inzwischen die notwendigen Zusagen, so dass die ProPotsdam loslegen kann. Das Wohnungsproblem kennen mittlerweile jedoch auch andere Kommunen in der Metropolenregion Berlin und konkurrieren mit ihren Projekten um die Fördermittel des Landes. Wir müssen uns aber auch fragen, mit welchen Standards wir kommunale Wohnungen bauen. Die Praxis zeigt, dass nicht immer die höchsten Anforderungen umgesetzt sein müssen, um mit Blick auf Klima, Nebenkosten und Komfort gute Ergebnisse zu erzielen. Und seitens des Landes wird die Bauordnung in diesem Jahr novelliert, auch da erhoffen wir uns am Ende schnelleres und preiswerteres Bauen.
Zum einen zählen und hoffen wir auch auf die Genossenschaften und dasStudierendenwerk. Sie sind ein Garant
für sozialen Wohnraum und das auf Dauer. Wir sehen zudem, dass der bundesweite Bauturbo einiges in Bewegung bringt und auch wichtige private Investitionen vorantreibt. Wir sind über jede zusätzliche Wohnung froh. Im Mai hat beispielsweise ein Potsdamer Unternehmen den Bau von etwa 600 neuen Wohnungen auf dem ehemaligen Parkplatz am Filmpark Babelsberg gestartet.
Weil steigende Mieten und der Mangel an bezahlbarem Wohnraum viele von ihnen überdurchschnittlich stark treffen. Frauen verfügen im Durchschnitt noch immer über geringere Einkommen und niedrigere Renten als Männer. Gleichzeitig tragen sie häufiger die Verantwortung für Kinder oder pflegebedürftige Angehörige und sind öfter alleinerziehend. Besonders Familien, Alleinerziehende, ältere Frauen und Studentinnen spüren deshalb als Erste, wenn Wohnen zu teuer oder unsicher wird. Für ältere Frauen verschärft sich die Situation zusätzlich durch niedrigere Renten, wodurch das Risiko von Altersarmut steigt. Wohnen ist daher nicht nur eine Frage des Daches über dem Kopf, sondern auch eine Frage von sozialer Sicherheit.

Die Gründe für die Wohnungsnot sind komplex, deshalb gibt es auch keine einfachen Antworten. Wir müssen mehrere Hebel gleichzeitig bewegen. Und das tun wir.